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Angefangen hatte alles im August 1823 als Sattlermeister Lindner in der Großen Steinstraße 9 ein Täschnergeschäft eröffnete. Über die Herstellung und dem Handel mit Pferdezubehör, wie Sättel und Zaumzeug kam der findige Geschäftsmann Lindner bald zum Bau ganzer Pferdekutschen. So fertigte der kleine Betrieb von 1830 an etwa 30 Kutschen pro Jahr. 42 Jahre nach Eröffnung des Ladens, auf den Monat genau, verkaufte Lindner seine 1000ste Kutsche aus eigener Produktion an den Prinzen Adolf von Schwarzburg. Zu diesem Jubiläum lies Lindner eine Inschrift in eine Sandsteintafel meißeln welche später in den Klinkerbau des alten Kesselhauses über dessen Eingang eingebracht wurde und noch heute dort zu sehen ist: "Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, 1. August 1865".

Lindner schaffte den Sprung ins moderne Zeitalter der Industrialisierung und wusste die neuen Gegebenheiten für sein Unternehmen zu nutzen. Von Anbeginn der Modernisierung zur Neuzeit innerstädtischer Personenbeförderungx war Firma Lindner dabei.

Der Bau der innerstädtischen Straßenbahn in Halle ging schnell voran. Am 24. Juni 1882 wurde der Bau beschlossen, am 13. Juli mit dem Bau begonnen und am 15.Oktober war die feierliche Eröffnung des ersten Straßenbahnnetzes über 10,4 Kilometer durch die Innenstadt von Halle/Saale. Pferdestraßenbahnen, elektrisch betriebene Bahnen, Eisenbahnwaggons, die Herstellung von Schienenfahrzeugen blieb nun der Hauptgeschäftszweig der Familie Lindner. Vom Hinterhof der Großen Steinstraße 9 führten Straßenbahngleise bis zur Hauptstraße vor. Auf diesen wurden die neu gefertigten Waggons in die Gleise der Städtischen Bahn geschoben.

Im Zuge der Rekonstruktion zur Wiederinbetriebnahme der alten Industriegebäudex durch Steinweg Home Inneneinrichtungen im Jahr 2011, eröffnete sich für die Architekten, als die Bauarbeiten schon mitten im Gang waren, eine ungewöhnliche Eigenheit des Gebäudes. Der Fußboden hatte ein relativ starkes Gefälle, was über die große Länge der Räume erst nicht aufgefallen war. Was den Monteuren von Lindner die Arbeit beim Rausschieben der Wagen erleichtern sollte, bereitete den Architekten bei der Sanierung mehr als 100 Jahre später Kopfzerbrechen.
Nur ein kleines Stück der alten Fußbodenfliesen konnte so erhalten bleiben, welcher im Zugang zum Treppenhaus fragmentenhaft nur teilweise noch vorhanden ist.

Familie Lindner war der Betrieb in der Großen Steinstraße 9 schon Anfang des 20. Jahrhunderts zu klein geworden. Sie expandierten als Lindner AG nach Halle Ammendorf an den Stadtrand woraus nach dem 2. Weltkrieg Waggonbau-Ammendorf entstand, dem heutigen Bombardier.
Den Großteil des Lindnerbetriebs in der Innenstadt vernichteten Fliegerbomben Ende des letzten Weltkrieges. Heute wird die Bombenlücke als Parkplatz für Anwohner genutzt.
Zu Zeiten der DDR wurde in der Großen Steinstraße eine Näherei für die "Jugendmode" betrieben.
Seit 1990 stand das Objekt leer und verwahrloste, versteckte seinen Charme hinter einer unansehnlichen Patina. Fledermäuse und Igel hatten sich eingenistet und auf dem Dach war ein kleiner Wald entstanden. Die Anwohner in den oberen Etagen vermissten anfangs den Ausblick ins Grüne konnten sich aber, als die Baugerüste verschwunden waren, gut mit dem neuen Ausblick arrangieren.

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Bildquelle: Steinweg Home